
Die Macht des „Nein“ – Was BDSM uns über gesunde Grenzen im Alltag lehrt
Ein „Nein.“ ist ein ganzer Satz. Und sogar ein sehr entscheidender und nicht zu verkennender Satz. Denn er setzt eine Grenze, er sagt „Stop.“
Grenzen für sich selbst zu setzen fällt manchen Menschen im Alltag ab und zu etwas schwer. Wenn der Lieblingskollege einen bittet, ihm eine Aufgabe abzunehmen, ist es vielleicht nicht so leicht, diese abzulehnen, obwohl man selbst schon sehr viel zu tun hat. Oder die Nachbarin bittet einen, ihr beim Tapezieren zu helfen, weil sie es alleine nicht schafft, aber man selbst hat keine Lust dazu oder keine Zeit.
Was hat das Ganze jetzt mit BDSM zu tun? Sehr viel. Denn hier leiten uns die Grenzen in unserem Spiel. Nur wer sich seiner Grenzen, seinen Vorlieben und Tabus bewusst ist, weiß, wie er oder sie sicher spielen kann. Consensual Play bedeutet, einen gemeinsamen Konsens zu finden, der für die Beteiligten in Ordnung ist. Dabei können Grenzen natürlich auch jedes Mal neu besprochen werden, denn Vorlieben oder auch Tabus können sich ändern, man möchte sich an die eigenen Grenzen ran wagen und vielleicht neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Das ist sehr individuell.
In einem Vorgespräch werden diese Dinge im professionellen Rahmen immer abgesprochen. Ich selbst biete keine Sessions ohne Vorgespräch an, wie ich es in manchen Anfragen manchmal vorgeschlagen bekomme, wobei diese Anfragen meiner Meinung nach nicht ernst zu nehmen sind. Denn sie zeigen eindeutig: mir sind Grenzen nicht wichtig und ich nehme das Thema nicht ernst. Aber mir ist es umso wichtiger. Denn ich, als aktiver Part, übernehme die Verantwortung für mein Gegenüber. Ich lerne somit, die Bedürfnisse meines Gegenübers zu respektieren, kann mich in meinen Spielpartner einfühlen und mit all diesen Dingen eine tolle Session durchführen.
Und diese Fertigkeiten, auf der aktiven Seite das Übernehmen der Verantwortung und auf der passiven Seite das Formulieren von eigenen Grenzen und Bedürfnissen, sind nicht nur wichtige Tools im Umgang mit BDSM, sondern sorgen auch im Alltag dafür, dass wir unsere Bedürfnisse ernst nehmen. Wenn im „Spiel“ meine Grenzen beachtet werden, so sollte dies auch für das „echte Leben“ gelten, oder? Ich finde es wichtig, zu erkennen, wenn ich als Mensch überlastet bin, wenn ich nicht mehr kann, wenn ich Hilfe benötige oder Zuwendung. Und diese Emotionen zu verstehen, zu verarbeiten und zu kommunizieren. Männern fällt das meiner Ansicht nach schwerer, ich kann natürlich jetzt Studien und Fachbücher darüber herauskamen, in denen ich Quellen finde zum Thema „Emotionen & Kommunikation, Männer Edition“, aber ich nutze jetzt einfach mal meine anekdotische Evidenz aus jahrelanger Erfahrung mit Männern, beruflich wie auch privat.
So fällt mir auf, dass Männer oft Schwierigkeiten haben, Grenzen zu erkennen, wenn sie dominant sind und sich auch so verhalten wollen, das Einfühlen in andere Personen gelingt nicht immer so gut und auch die Arroganz, die dabei zu Tage tritt, hilft nicht dabei, Empathie für seine Mitmenschen zu erlangen. Andererseits habe ich viele Männer erlebt, die zwar im Alltag dominant und führend sein müssen, die aber im Studio gerne mal die Kontrolle abgeben wollen und in der Situation auch gut darlegen können, was sie sich vorstellen und wie das Ganze von statten gehen soll. Darüber bin ich sehr froh, dass scheinbar mehr Menschen sich mit diesen Dingen vertraut machen und versuchen, Kommunikation zu erlernen, die Gefühlswelten beschreiben und beim eigenen Reflektieren helfen können.
Es ist wichtig, im Alltag seine Grenzen zu kennen. Kennst du deine? Kannst du „Nein.“ sagen?